Europäische Bürgerinitiativen

zum Schutze des Lebens und der Menschenwürde

 

 

 

Euthanasie

Organspende

zurück

 

 

 

 

Organspende
 

Über Leichen

Wie menschliche Überreste gewonnen und verwertet werden

 

Autorin: Martina Keller

Redaktion: Detlef Clas

Regie: Iiris Arnold

Sendung: Montag, 22. September  2008, 8.30 Uhr, SWR 2

_________________________________________________________________

 

SWR 2 Wissen können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR 2

Webradio unter www.swr2.de

 

Besetzung:

Sprecherin

Übersetzerin

 

 

O-Ton Ingra Kovalevska:                                                            hier als pdf-datei

 

Übersetzerin:

Am 19. Juni gegen 16 Uhr nachmittags kam ich zusammen mit meinem Sohn in unsere Wohnung ...

 

(Atmo Küche)

 

Sprecherin:

Inara Kovalevska ist Lehrerin in Riga, der Hauptstadt Lettlands.

 

O-Ton Inara Kovalevska:

 

Übersetzerin:

Als wir beide, mein Sohn und ich, das Wohnzimmer betraten, waren wir völlig schockiert. Mein Mann hatte immer gesagt, dass er nicht weiterleben wolle, aber er hatte auch immer gesagt, ich kann es nicht tun, ich habe nicht genug Kraft dazu.

 

Sprecherin:

Als Inara Kovalevska an jenem Sommertag 2002 ihre Wohnung betrat, hatte sich ihr Mann Gunars erhängt. Inara schrie um Hilfe und versuchte ihren damals sechsjährigen Sohn aus dem Zimmer zu drängen. Sie wollte ihm den Anblick des am Strick hängenden Vaters ersparen. Doch keiner der Nachbarn kam, Inara war auf sich gestellt. So schnitt sie ihren Mann mit einem Küchenmesser selber vom Seil und fing ihn in ihren Armen auf.

 

O-Ton Inara Kovalevska:

 

Übersetzerin:

Ich habe ihn massiert, ich habe ihn geschlagen, ich habe geweint, geschrieen, gebetet, ich habe alles gemacht, um ihn ins Leben zurückzurufen, ich dachte er kann noch leben.

 

Sprecherin:

Doch weder Inara noch der herbeigerufene Notarzt konnten Gunars retten. Der 41-Jährige litt unter Depressionen, schon zehn Jahre zuvor hatte er erstmals versucht sich das Leben zu nehmen. Wie bei Selbsttötungen üblich, wurde Gunars’ Leichnam in das rechtsmedizinische Zentrum von Riga gebracht; durch eine Autopsie sollte ausgeschlossen werden, dass er durch fremde Hand getötet wurde. Inara ging am Tag nach dem Tod ihres Mannes dorthin. Sie fragte einen Mitarbeiter, ob es möglich wäre, Gunars’ Mutter einen Wunsch zu erfüllen. Die alte Frau wollte ihrem Sohn einen letzten Liebesdienst erweisen, ihn nach katholischem Brauch in Lettland waschen und festlich einkleiden.

 

O-Ton Inara Kovalevska:

 

Übersetzerin:

Und dann sagte er, die Mutter weiß nicht, wonach sie fragt, die Leiche sieht ziemlich schlimm aus, und den Anblick könnte sie nicht ertragen.

 

Sprecherin:

Damals ahnte Inara nicht, welche Wahrheit in diesen Worten steckte. Die Familie sah den Verstorbenen erst am Tag des Begräbnisses wieder, vom Bestatter angekleidet und aufgebahrt im offenen Sarg, der tote Körper scheinbar unversehrt.

Ein Jahr später erhielt Inara eine Vorladung der lettischen Sicherheitspolizei. Eine Beamtin teilte ihr mit, dass der Leiche ihres Mannes Gewebe entnommen worden sei, vor allem Knochen, Knorpel und Sehnen. Insgesamt ermittele die Polizei in 400 Fällen. Und noch etwas erfuhr Inara Kovalevska: Die Körperteile der lettischen Toten waren nach Deutschland geliefert worden.

 

O-Ton Inara Kovalevska:

 

Übersetzerin:

Dieser Mensch, der war doch eine Persönlichkeit, diese Hände, die haben doch jemanden gestreichelt und diese Persönlichkeit war jemandem sehr lieb. Und als Katholikin glaube ich fest an die Auferstehung.

 

Sprecherin:

Inara ist seit dieser Nachricht in psychotherapeutischer Behandlung.

 

O-Ton Inara Kovalevska

 

Übersetzerin:

Ein Mensch, der hat doch eine gewisse Würde und ich glaube, es ist einfach unmenschlich, ihn nach seinem Tod zu einem Gut oder einer Ware zu machen. Ich kann diesen Gedanken nicht annehmen, dass Teile eines Menschen nach Deutschland geliefert werden, und dort wird sortiert, was brauchbar ist und was nicht brauchbar ist, und die unbrauchbaren Teile werden einfach zu Müll.

 

Ansage:

Über Leichen. Wie menschliche Überreste gewonnen und verwertet werden. Eine Sendung von Martina Keller.

 

O-Ton Karl Koschatzky:

Es gibt die alte Firma Pfrimmer, die im Wundversorgungsgebiet tätig war seit dem Jahr 1919, als Nahtmaterialhersteller. Aus der Firma heraus sind wir entstanden, ausgegliedert worden über verschiedene Vorläuferfirmen und haben uns im Verlauf dieses Prozesses in über 30 Jahren spezialisiert auf die Herstellung von Transplantaten, aber auch Implantaten aus humaner oder aus tierischer Herkunft.

 

Sprecherin:

Alltagsgeschäft der Tutogen Medical GmbH in Neunkirchen bei Erlangen. Neun Jahre lang, von 1994 bis 2003, lieferte das rechtsmedizinische Zentrum in Riga der Firma und ihrer Vorgängerin Biodynamics International menschliche Rohstoffe. Tutogen braucht sie für seine Knochenproduktion. Die Firma beschäftigt 140 Mitarbeiter, vorwiegend Näherinnen, Mechaniker und Dreher – und sie expandiert.

Karl Koschatzky ist Geschäftsführer von Tutogen Medical. Schon seit einem Vierteljahrhundert ist er bei der fränkischen Firma und ihren Vorgängern beschäftigt.

 

O-Ton Karl Koschatzky:

Am menschlichen Körper gibt es im Prinzip zwei Typen von Knochen, das ist der Schwammknochen, Spongiosa, oder es gibt den kompakten Knochen, wie er ... im Oberschenkelschaft vorkommt. Daraus können Sie verschiedene Gewebeformen, -zubereitungen machen, zum Beispiel als klein gemahlenes Füllmaterial oder als Formkörper bestimmter Abmessung, zur Stütze einer Wirbelsäule oder zur Heilung einer Fraktur oder auch zum Auffüllen einer Kieferwand und ähnliches ... Es gibt eine Unzahl von Anwendungsmöglichkeiten ... und das haben wir ungefähr zwischen 200 bis 400 verschiedene Artikel in Anführungszeichen auf Lager.

 

Sprecherin:

Tutogen liefert seine Transplantate von Deutschland aus in rund 40 Länder.

 

Atmo Klackern

O-Ton Karl Koschatzky:

Das sind einfach so Möglichkeiten, die wir haben …

 

Sprecherin:

Koschatzky geht ins Nebenzimmer und holt einen Kasten mit Produktmustern.

 

O-Ton Karl Koschatzky:

Das zum Beispiel ist ne Kniescheibe, die ist bereits prozessiert, und aus der kann man dann so Dübel oder Blöcke machen, die man in der Wirbelsäule einsetzt. ... und dann können sie natürlich langsam anfangen, etwas kompliziertere Teile zu machen, so was  zum Beispiel, das ist also ein hufeisenförmiges Implantat für die Wirbelsäule, das man von vorne durch den Bauch in die Wirbelsäule reintut, ...

 

Sprecherin:

Elfenbeinfarben, glatt oder porös liegen die zurechtgefrästen Teile aus menschlichem Knochen in dem Kasten. Die Leiche ist zu einem begehrten Rohstoff geworden. Längst hat die sogenannte Gewebespende die Organtransplantation an Bedeutung überholt. Nur rund 4500 Patienten erhalten in Deutschland jährlich ein neues Organ, doch mehrere Zehntausend profitieren von der Verpflanzung kleiner oder großer Einzelteile. Fast alles von einer Leiche lässt sich verwerten, so auch die Knochen, Knorpel und Sehnen.

 

O-Ton Karl Koschatzky:

Das ist mit ner CNC-Maschine hergestellt und kann man da oben zervikal einsetzen an der Halswirbelsäule. Das sind Schrauben, Knochen Pins, ... alles aus Knochen. .... Das ist ein Dübel, den man im Prinzip einsetzen kann in der Wirbelsäule, durch einfache Bohrungen reinsetzen kann.

 

(Atmo Klackern)

 

Sprecherin:

Die Gewebetransplantation ist ein lukratives Geschäft. In den USA summiert sich der Erlös aller Körperteile aus einer einzigen Leiche auf 230.000 Dollar und mehr. In Deutschland organisieren neben kommerziellen Unternehmen wie Tutogen Medical vorwiegend gemeinnützige Einrichtungen die Gewebespende, doch das heißt nicht, dass Gewinnstreben ausgeschlossen sein muss.

Neben den Herstellern verdienen auch die Weiterverkäufer. So offeriert die Medpex Versandapotheke im Internet Tutoplast Fascia lata – so heißen die aus der Muskelhaut des Oberschenkels gefertigten Transplantate der Tutogen Medical GmbH. Ein Streifen von zwei mal 30 Zentimeter Länge kostet 967,18 Euro – da hat auch die Versandapotheke gut verdient. Doch ohne Rohstoffe kein Geschäft. Tutogen Medical verarbeitet jährlich die Körperteile von 500 bis 1000 Spendern. Frage an Karl Koschatzky: Woher stammen diese Gewebe?

 

O-Ton Karl Koschatzky, Martina Keller:

Hm, also ich geb eigentlich keine Auskünfte über Rohmaterialien, Sie werden vermutlich auch von der Firma Bayer keine Auskünfte bekommen, wo sie ihr Aspirin kauft.

Keller: Sie haben auch aus Lettland Gewebematerial bezogen, können Sie vielleicht mal erklären, wie es zu der Zusammenarbeit kam?

Koschatzky: Es gibt Kongresse der Rechtsmedizin. Man trifft sich und man spricht dort, und da haben wir halt einen Kontakt gehabt, ... und haben halt eine Zusammenarbeit irgendwann einmal begonnen ...

Keller: In Lettland gab es ...

Koschatzky: Ich gebe keine Auskunft mehr über Lettland, weil, das sehe ich nicht ein

Keller: Das ist aber eine wichtige Frage.

Koschatzky: Ich wüsste nicht warum.

Keller: Ich hab aber einen konkreten Fall, ich hab dort zwei Angehörige von Verstorbenen gesprochen, und eine dieser ...

Koschatzky: Ich denke, wir beenden das jetzt, das zielt auf was ganz andres, als was sie ursprünglich hier waren ... ich bin kein Ethikspezialist. Punkt aus.

 

Sprecherin:

Die Gewebetransplantation ist ein aufstrebender Medizinsektor, die Zahl der Anwendungen kaum noch überschaubar: Hornhäute können Patienten das Augenlicht bewahren, Herzklappen sind bei schweren Entzündungen der Herzinnenhaut mitunter lebensrettend. Knochenblöcke oder -pasten werden verwendet, um Defekte im Skelett aufzufüllen, beispielsweise an der Wirbelsäule. Manchmal wird auch ein kompletter Knochen im Stück verpflanzt, um nach einem Unfall eine Amputation zu verhindern. Leichenhaut kann als vorläufiger Wundverband bei schweren Brandverletzungen vor Flüssigkeitsverlust und Infektionen schützen. Nicht alle Anwendungen dienen jedoch ausschließlich medizinischen Zwecken. Die Entscheidung zwischen Gebiss und Implantat ist zumindest teilweise auch eine kosmetische Frage. Bei vielen Patienten, die Implantate gesetzt bekommen, wird zunächst der Kieferknochen aufgebaut – zum Beispiel mit Leichenknochen.

Seit August 2007 gibt es ein Gesetz, das den Sektor Gewebemedizin neu ordnen soll. Am rechtsmedizinischen Institut der Hamburger Universitätsklinik hat man sich frühzeitig auf die Lage eingestellt.

 

O-Ton Christian Braun:

Wir haben sie schon etwas vorbereitet, haben den Tisch gesäubert, haben die Verstorbene auf den Tisch gelegt, haben dann mit verschiedener Art und Weise desinfiziert, wobei wir hier nicht unter OP-Bedingungen arbeiten, wir versuchen sehr sauber zu arbeiten, aber das ist trotz alledem ein Sektionssaal, und den kriegt man nicht steril, wir arbeiten hier nicht wie die Chirurgen im OP.

 

Sprecherin:

Selbst am zweiten Weihnachtstag ist in der Rechtsmedizin ein zweiköpfiges Team im Einsatz. Auf dem Sektionstisch liegt die Leiche einer 90-jährigen Frau. Sie ist nackt, nur Kopf und Rumpf sind mit Tüchern abgedeckt.

 

O-Ton Christian Braun:

Was wir bei ihr an Gewebe entnehmen werden, ist nicht sozusagen das volle Programm, das wir machen, weil sie aufgrund ihres Alters schon so ist, dass man sagt, man kann nicht jedes Gewebe hernehmen, weil es erfahrungsgemäß schon etwas degeneriert ist, das heißt wir nehmen die Oberarmknochen, wir nehmen die Oberschenkelknochen, wir nehmen die Schienbeine und von dem Fußknochen nehmen wir auch noch einen und wir werden versuchen, das müssen wir schauen, ob wir das nachher schaffen, auch vom Beckenknochen ein Stück noch zu nehmen.

 

Sprecherin:

Christian Braun ist Rechtsmediziner im Hamburger Universitätsklinikum. An seiner Seite arbeitet der Präparator Jürgen Brillinger, er hat schon einige 1000 Leichen seziert.

 

O-Ton Christian Braun:

Vom Beckenkamm bis zum Innenknöchel haben wir jetzt einen Schnitt über das gesamte Bein gemacht, um uns den Zugang zu ermöglichen, jetzt präparieren wir hier schichtweise erst die Haut und das Unterhautfettgewebe weg bis auf den Muskel. Wenn diese Dame jetzt jünger wäre, müsste ich auch hier an der Außenseite vom Oberschenkel sehr aufpassen, weil wir dann auch die sogenannte Fascia lata noch entnehmen würden, das ist eine bindegewebige Platte, die an der Außenseite des Oberschenkels zu finden ist, die man auch hernehmen kann für verschiedene Zwecke, zum Beispiel zur Deckung von Wunden.

 

Sprecherin:

Die Frau wurde am Vortag tot in der Wohnung gefunden. Da der Hausarzt über die Feiertage nicht zu erreichen war, um einen natürlichen Tod zu bescheinigen, brachte man sie in die Rechtsmedizin. Bei der 90-Jährigen waren die äußeren Bedingungen für eine Gewebeentnahme günstig: eine schnell gekühlte Leiche, an Vorerkrankungen nur Alzheimer und ein Lungenleiden bekannt.

 

O-Ton Christian Braun, Martina Keller

Hier habe ich die Kniescheibe, jetzt öffne ich hier das Knie. (zu MK) Ihnen geht’s noch gut? – Äh, ja

Sie können auch gerne den Hocker nehmen, wenn Sie sich hinsetzen wollen. So, jetzt sieht man hier die Menisken und die Kreuzbänder, vorderes Kreuzband und hinteres Kreuzband, die schneide ich jetzt einfach durch ...

 

Sprecherin:

Bis zu 3500 Leichen gelangen jährlich in das Institut für Rechtsmedizin der Hamburger Universitätsklinik. Etwa ein Zehntel davon kommt für die Gewebespende infrage. Doch nach den Erfahrungen des ersten Jahres stimmen die Angehörigen nur in 14 Prozent der Fälle einer Explantation, also einer Organ- und Gewebespende, zu. Bei der oft lebensrettenden Organverpflanzung sind es fast zwei Drittel, die zustimmen. Die Hamburger Rechtsmediziner wollen die Gewebespende in der Öffentlichkeit bekannt machen. Die Unternehmenskommunikation der Universitätsklinik soll dabei helfen. Doch wie wirbt man für Körperrecycling, wenn Firmen mit aufgearbeiteten Geweben Geld verdienen dürfen? Und wenn es eher selten um Leben oder Tod geht, häufig jedoch um eine bessere Lebensqualität und mitunter auch um Lifestyle-Fragen?

 

O-Ton Klaus Püschel:

Wenn ein Mensch mit einer ... Hornhautverletzung, der nicht mehr Zeitung lesen kann, oder nicht mehr Fernsehen gucken kann, oder sich im Verkehr nicht mehr richtig orientieren kann, dann wieder richtig sehen kann, dann ist das in Bezug auf sein Leben eine entscheidende Verbesserung, ich würde das durchaus vergleichen mit einer Nierentransplantation bei einem dialysepflichtigen Patienten.

 

Sprecherin:

Klaus Püschel ist Direktor am Hamburger Institut für Rechtsmedizin.

 

O-Ton Klaus Püschel:

Denken Sie an Hautübertragungen bei schwer Brandverletzten, das kann durchaus lebensrettend sein, und wenn sie bei einem kleinen Kind einen großen Bauchdeckendefekt schließen können mit einer Sehnenplatte von einem Verstorbenen, dann ist das für die Lebensqualität des Kindes von erheblicher Bedeutung. Also die Gewebetransplantation wird da vielleicht nicht ausreichend wertgeschätzt, ich persönlich stehe sehr nachhaltig dahinter und sag, das sollte ähnlich engagiert betrieben werden wie die Organtransplantation.

 

Sprecherin:

Klaus Püschel hat deshalb am Institut für Rechtsmedizin ein straffes Management für die Gewebeentnahme eingeführt. Schon seit langem wurden in Hamburg Augenhornhäute entnommen und an die klinikeigene Gewebebank weitergeben. Ein Jahr vor Inkrafttreten des Gewebegesetzes im August 2007 begann man, mit einem gemeinnützigen pharmazeutischen Hersteller in Berlin zu kooperieren. Das Deutsche Institut für Zell- und Gewebeersatz – kurz DIZG – bekommt seither von der Rechtsmedizin Knochen, Sehnen, Muskelhüllen und neuerdings auch Leichenhaut.

Das Hamburger Projekt Gewebespende ist noch in den Anfängen. Zunächst wurde der Prozess der Entnahme am Universitätsklinikum selbst organisiert. Dann folgten Vereinbarungen mit den pathologischen Instituten der großen Hamburger Krankenhäuser. Doch Klaus Püschel denkt weiter.

 

O-Ton Klaus Püschel:

Letztlich habe ich schon die Vorstellung, dass auch die Möglichkeit besteht, bei Verstorbenen ganz allgemein hier im Raum Hamburg das Angebot zu machen, dass Gewebe für Transplantationszwecke zur Verfügung gestellt wird, dafür müsste man dann einen Apparat aufbauen, der bei allen Verstorbenen tatsächlich diese Möglichkeit bekannt macht ... Und wenn man sich klarmacht, dass wir für Gewebetransplantationen Spender bis 90 Jahre haben können, ... dann würde man auch bei einem normalen Herzinfarkt, der sich zu Hause ereignet, den Verstorbenen in das System einsteuern können.

 

Atmo Sektionssaal

 

O-Ton Christian Braun:

Können Sie hier mal versuchen, die Beinvene darzustellen, Herr Brillinger, damit wir da noch mal Blut rausbekommen? So, das hier ist dann der Unterschenkelknochen, das Schienbein links.

 

Sprecherin:

Christian Braun müht sich, Blut aus der Leiche zu gewinnen, es wird später im Labor auf infektiöse Krankheiten getestet. Diese Maßnahme soll verhindern, dass Patienten verseuchte Gewebe eingepflanzt bekommen. Doch das Herz der Verstorbenen steht still, und damit auch das Blut in ihren Adern.

 

Atmo, Spritze hängt vorne dran

 

O-Ton Christian Braun:

So, stopp, das ist so’n bisschen ein Geduldsspiel.

Notfalls müssen wir gucken, dass wir noch ein bisschen Herzblut bekommen

Okay, so Milliliter für Milliliter füllt sich hier die Spritze

 

Sprecherin:

In Deutschland gibt es bislang drei pharmazeutische Hersteller von Knochenprodukten. Das DIZG, Tutogen Medical und die Berliner Universitätsklinik Charité. Daneben existieren Hunderte von klinikeigenen Knochenbanken. Die genaue Zahl kannte lange Zeit niemand – wie überhaupt viele Fakten zur Gewebespende im Dunkeln lagen. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden listet zwar minutiös auf, wie viele Jungmasthühner im Jahr produziert wurden, als Ganzes mit Innereien und Hals, als Ganzes ohne Innereien und Hals, zerteilt, tiefgefroren oder lebensfrisch. Doch niemand wusste bislang, wie viele Herzklappen, Knochen oder Gefäße von Leichen in Deutschland jährlich gewonnen und transplantiert werden, wie viele darüber hinaus gebraucht und welche Produkte aus dem Ausland nach Deutschland eingeführt werden. Das soll nun anders werden. Das Gewebegesetz verspricht mehr Sicherheit und Transparenz. Mit der Transparenz ist es allerdings so eine Sache.

 

O-Ton Brigitte Tag:

Wenn der Laie dieses Gesetz aufschlägt, allein wenn Sie die Ergänzungen zum Arzneimittelgesetz (AMG) sehen, und das AMG war bis dahin schon eine Materie, die sehr, sehr schwierig ist, und jetzt sieht man Paragraphen, die bis zu 30 Absätze haben und diese Paragraphen werden ergänzt, z. B. §4 durch §4a, dann sieht man, dass der Gesetzgeber sehr umfassend gearbeitet hat, aber ein Stück weit auch sehr umständlich, und das hat zur Folge, dass dieser rote Faden, das worum es eigentlich geht, für den Laien kaum noch aufzufinden ist.

 

Sprecherin:

Brigitte Tag ist Jura-Professorin in Zürich und Spezialistin für Fragen des Umgangs mit der Leiche. Sie hat an der Autopsie-Richtlinie der Bundesärztekammer mitgearbeitet.

 

O-Ton Brigitte Tag:

Man muss sich überlegen, wozu werden diese Gesetze gemacht, ... es geht doch auch darum, den Menschen zu verdeutlichen, dass die Spende von Organen, von Geweben für andere lebensrettend sein kann. Wenn Sie dieses Gesetz lesen, dann kommt beim normalen Menschen, sage ich, der juristisch keine besondere Ausbildung hat, sofort der Gedanke auf, hier wird etwas verschleiert, ich versteh es nicht mehr, und das hat zur Folge eine Rückzugsmentalität.

 

Sprecherin:

Mittlerweile hat der Gesetzgeber den Gesetzestext ein wenig übersichtlicher gestaltet. Der Kern der Bestimmungen: Sämtliche Gewebe und Zellen werden den strengen Auflagen des Arzneimittelgesetzes unterstellt. Wie die Organspende bleibt die Gewebespende unentgeltlich, ein selbstloses Geschenk der Verstorbenen. Denn internationale Konventionen und auch das deutsche Transplantationsgesetz verbieten die Kommerzialisierung des menschlichen Körpers. Allerdings gilt das Kommerzialisierungsverbot nur für gering verarbeitete Gewebezubereitungen, Herzklappen zum Beispiel oder Augenhornhäute. Wenn Gewebe hingegen industriell hergestellt werden, wie etwa Knochen und Sehnen, müssen die Hersteller für ihr Produkt beim Paul-Ehrlich-Institut in Berlin eine Zulassung beantragen, wie für ein x-beliebiges Medikament. Erst wenn diese Hürde genommen ist, dürfen sie mit ihren Produkten handeln.

 

O-Ton Brigitte Tag:

Die Entscheidung des Gesetzgebers ist ganz eindeutig. Dadurch, dass es dem Arzneimittelgesetz unterstellt ist, ist natürlich die Gewinnspanne ermöglicht, was nicht per se negativ sein muss. Eine gewisse Gewinnspanne kann auch dafür sorgen, dass die Sicherheitsstandards sehr hoch sind und dass es entsprechend umgesetzt und eingehalten wird, aber der Hintergrund ist schon auch ... die Ausnahme vom Kommerzialisierungsverbot, so dass ein Stück weit – nun, ich möchte nicht sagen, der Körper kommerzialisiert wird, er ist schon kommerzialisiert – aber es wurde legitimiert in diesem Bereich.

 

Sprecherin:

Gewebe ist ein begehrtes Gut, und die Nachfrage nach Rohmaterial wächst. Doch die Ärzte in Deutschland können nicht nach Belieben auf Verstorbene zugreifen. Das Persönlichkeitsrecht setzt der Gewebeentnahme Grenzen. So garantiert das Grundgesetz das Recht auf Selbstbestimmung. Es gilt – innerhalb sittlicher Schranken – über den Tod hinaus. Ähnlich wie ein Mensch in seinem Testament über sein Vermögen verfügen darf, bleibt es ihm freigestellt, den Umgang mit seiner Leiche zu regeln. Gewebe darf folglich nur entnommen werden, wenn der Verstorbene dem zu Lebzeiten zugestimmt hat – oder nach seinem Tod stellvertretend die Angehörigen.

Viele andere Staaten haben den Umgang mit der Leiche weniger streng geregelt. Insbesondere in osteuropäischen Ländern wie Ungarn, Tschechien oder Lettland gilt meist die Widerspruchslösung: Wer der Gewebeentnahme zu Lebzeiten nicht widerspricht, dessen Zustimmung wird vorausgesetzt.

 

O-Ton Brigitte Tag:

Es kann natürlich sein, dass deswegen der Anreiz besteht auf andere Länder zuzugreifen, in denen die Rechtslage noch nicht so sehr ausformuliert ist, und das führt natürlich dann doch auch vielleicht zu Exporten und Importen, die wir heute aus unserer Rechtswarte und aus unserer ethischen Bewertung als kritisch betrachten, weil die Gewebegewinnung in den anderen Ländern unseren ethischen rechtlichen Maßstäben nicht vollständig entspricht.

 

Sprecherin:

Als Inara Kovalevska aus Riga erfuhr, dass ihr Mann Gunnars entbeint worden war, fühlte sie sich, als wäre sie selbst beraubt worden. Sie wünschte, dass die Verantwortlichen vor Gericht zur Rechenschaft gezogen würden, doch die lettische Sicherheitspolizei hat ihre Ermittlungen eingestellt. Zusammen mit einer anderen betroffenen Angehörigen erstattete Inara auch in Deutschland Anzeige gegen unbekannt. Ende 2006 erhielt sie Antwort. Die Staatsanwaltschaft Bamberg teilte mit Schreiben vom 7.12.2006 mit, von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens sei abzusehen. Nach einem Bericht der lettischen Sicherheitspolizei hätten sich keine hinreichenden Anhaltspunkte ergeben. Den verantwortlichen Personen der Firma Tutogen Medical könne ein strafbares Verhalten nicht zur Last gelegt werden. Dem Zentrum für Rechtsmedizin in Riga sei kein gewerbsmäßiger Handel vorzuwerfen.

Seit 2003 bezieht die Firma Tutogen Medical kein Gewebe mehr aus Lettland. Rund die Hälfte ihres Rohmaterials importierte sie seither aus anderen osteuropäischen Ländern. In Deutschland bekommt sie Gewebe vom Rechtsmedizinischen Zentrum der Universitätsklinik Frankfurt.

Im Sektionssaal des Rechtsmedizinischen Instituts der Universitätsklinik Hamburg ist die Explantation der 90-Jährigen beendet.

 

Atmo Sektionssaal

 

O-Ton Christian Braun:

Wir haben entnommen: einmal die Oberarmknochen links und rechts, einmal die Oberschenkelknochen, das Schienbein, diesen Kalkaneus mit einem Stück Achillessehne dran und jeweils ein Stück Beckenkamm, das ist das, was wir bei dieser Dame jetzt entnommen haben, genau.

 

Sprecherin:

Christian Braun, der Rechtsmediziner, hat seine Arbeit getan. Nun werden die entnommenen Knochen verpackt: erst in eine Plastiktüte, dann in einen Strumpf, um die Knochen zu polstern, dann wieder in eine Plastiktüte. Jede Hülle wird mit einem Etikett versehen, auf das die Spenderkennung und die Bezeichnung des Knochens geschrieben werden. Unterdessen macht sich der Präparator Jürgen Brillinger daran, den Leichnam der 90-jährigen Frau für die Bestattung herzurichten.

 

O-Ton Jürgen Brillinger:

Da mach ich jetzt ein Stück Holz rein, polster das noch ein bisschen aus mit Zellstoff und dann vernäh ich das vernünftig, dass man die Dame dann auch dem Bestatter übergeben kann, und dann wird sie anschließend, wenn sie fertig ist, dann wird sie auch noch mal gewaschen, dass soweit keine Blutrückstände mehr vorhanden sind, denn es besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass die Dame von den Angehörigen noch mal besichtigt wird, und desto sauberer die Dame übergeben wird, desto besser.

 

* * * * *

nach oben
Hauptmenü