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Religion
Fast ein ökumenisches Lehrschreiben
Am 25. März 1995 erschien die Enzyklika „Evangelium vitae" von Johannes Paul II
VON MANFRED BALKENOHL

"Evangelium vitae", die „Frohe Botschaft vom Leben", steht heute in einem gar nicht zu übersehenden Gegensatz zu jener "Kultur des Todes", die unsere Welt weitgehend beherrscht und die in dieser epochal wichtigen Enzyklika mehrfach genannt und analysiert wird.

Der Inhalt dieses pastoralen Sendungsschreibens wird mit den Worten „Evangelium vitae" nicht nur angedeutet. Er zielt in die Mitte dessen, was angesichts der neuen Bedrohungen des menschlichen Lebens notwendig ist, um die Not des heute lebenden Menschen zu wenden, ihn wieder sensibel zu machen für die Heiligkeit des Lebens und ihn zu befähigen, seiner Bestimmung gemäß zu leben und zu handeln.

Die erschütternden Vermehrungen und Verschärfungen der Bedrohungen des Lebens von Personen und Völkern, vor allem im schwachen und wehrlosen Zustand, sind heute Vorgänge, die von der Kirche nicht unbeachtet bleiben dürfen, ja sie muss sie in ihre Verkündigung einbeziehen und mit aller Energie auf Abhilfe drängen. Zu den früheren und bekannten Angriffen gegen das menschliche Leben wie Hunger, Elend, endemische Krankheiten, Gewalt und Kriegsereignissen gesellen sich heute ungleich schärfere Angriffe hinzu: Völkermord, Abtreibung oder Euthanasie.

Während früher Unrecht doch wenigstens von der überwiegenden Mehrheit als solches empfunden, erkannt und geahndet wurde, ist heute ein schwerer moralischer Verfall eingetreten, der dazu geführt hat, gegen das Leben gerichtete Praktiken gesellschaftlich als achtbar zu betrachten.
Das geht bis in Rechts- und Medizinbereiche hinein. „Der Umstand, dass die Gesetzgebung vieler Länder sogar in Abweichung von den Grundprinzipien ihrer Verfassungen zugestimmt hat, solche gegen das Leben gerichtete Praktiken nicht zu bestrafen oder ihnen gar volle Rechtmäßigkeit zuzuerkennen, ist zugleich besorgniserregendes Symptom und keineswegs nebensächliche Ursache für einen schweren moralischen Verfall."
Es darf nicht sein, dass Verbrechen im Bewusstsein der Öffentlichkeit  „Verbrechenscharakter" verlieren und paradoxerweise „Rechtscharakter" annehmen (11).

Zu dem pervertierten Rechtsbewusstsein gesellen sich korrumpierte Praktiken in der Medizin, die gemäß dem hippokratischen Eid sowie der humanen und der christlichen Auffassung, auf die Verteidigung und Pflege des menschlichen Lebens ausgerichtet sein sollten, sich aber in einigen ihrer Bereiche immer eingehender für die Durchführung von Handlungen gegen die Person verwendet Sie „entstellt auf diese Weise ihr Gesicht, widerspricht sich selbst und verletzt die Würde all derer, die sie ausüben" (4). Manchen Verbrechen gegen das werdende oder zu Ende, gehende Leben werden ,,mit medizinischen Formulierungen bemängelt, die den Blick von der Tatsache ablenken dass das Existenzrecht einer konkreten menschlichen Person auf dem Spiel steht" (11).

Wenn das fundamentale Recht auf Leben, vor allem bei einer großen Anzahl ungeborener Kinder, heute nicht mehr verspürt und akzeptiert wird, dann darf die Kirche dazu nicht schweigen. Es drängt sich ein Vergleich auf zu den Situationen und vor allem den sozialen Ungerechtigkeiten am Ende des 19. Jahrhunderts. Diese hat die Kirche ebenfalls nicht hinnehmen können. In einer ganzen Reihe von Enzykliken und insbesondere spezieller Sozialenzykliken sind die damals vorherrschenden Ungerechtigkeiten beim Namen genannt und es sind Wege aufgewiesen worden, den unterdrückten Menschen damals den Angehörigen der Arbeiterklasse, zu ihren fundamentalen Rechten zu verhelfen Die Formulierung, Schaffung und Durchsetzung einer die Armut bekämpfenden Sozialgesetzgebung war christlichen Ursprungs.
Abtreibung und Euthanasie werden eindeutig verurteilt Sie sind „Verbrechen, die für rechtmäßig zu erklären sich kein menschliches Gesetz anmaßen kann". Der Papst nimmt Bezug auf die christliche Überlieferung, die mit dieser Enzyklika darin übereinstimmt, dass sie die Abtreibung als besonders schwerwiegende sittliche Verwilderung einstuft. Unter den christlichen Schriftstellern wird unter anderen Athenagoras erwähnt, der darüber berichtet, dass „die Christen Frauen, die auf medizinische Eingriffe zur Abtreibung zurückgreifen, als Mörderinnen" angesehen haben, weil die ungeborenen Kinder "bereits ein Objekt der Fürsorge der Göttlichen Vorsehung sind".
Der lateinische Schriftsteller Tertullian wird so zitiert: "Die Verhinderung der Geburt ist vorzeitiger Mord; es kommt nicht darauf an, ob man die schon geborene Seele tötet oder sie beim Zurweltkommen auslöscht. Es ist bereits der Mensch, der er später sein wird".

„Evangelium vitae" verurteilt zu Recht erneut und eindringlich jegliche „Abtreibungskultur", die auch in einem Zusammenhang gesehen wird mit der heute ebenfalls immer sichtbarer werdenden "Verhütungs-mentalität". In deutlicher Differenzierung wird jedoch erklärt, dass „Empfängnisverhütung und Abtreibung ihrer Art nach verschiedene Übel" sind, es wird aber ebenfalls anthropologisch richtig gesehen, dass sie trotz dieses "Unterschiedes in ihrer Natur und moralischen Bedeutung als Früchte ein und derselben Pflanze sehr oft in enger Beziehung zueinander" stehen.
Diese immer deutlicher werdende Verflechtung wird in der Enzyklika so beschrieben: „Leider tritt der enge Zusammenhang, der mentalitätsmäßig zwischen der Praxis der Empfängnisverhütung und jener der Abtreibung besteht, immer mehr zutage; das beweisen auf alarmierende Weise auch die Anwendung chemischer Präparate, das Anbringen mechanischer Empfängnishemmer in der Gebärmutter und der Einsatz von Impfstoffen, die ebenso leicht wie Verhütungsmittel verbreitet werden und in Wirklichkeit als Abtreibungsmittel im allerersten Entwicklungsstadium des neuen menschlichen Lebens wirken" .

An drei Stellen dieser Enzyklika werden Lehraussagen der Kirche mit höchstem Anspruch formuliert:
„Mit der Petrus und seinen Nachfolgern von Christus verliehenen Autorität bestätige ich daher in Gemeinschaft mit den Bischöfen der katholischen Kirche, dass die direkte und freiwillige Tötung eines unschuldigen Menschen immer ein schweres sittliches Vergehen ist. Diese Lehre, die auf jenem ungeschriebenen Gesetz begründet ist, das jeder Mensch im Lichte der Vernunft in seinem Herzen findet (vgl. Röm 2, 14-15), ist von der Heiligen Schrift neu bestätigt, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt gelehrt.”

Hinsichtlich der Abtreibung wird hervorgehoben: „Mit der Autorität, die Christus Petrus und seinen Nachfolgern übertragen hat, erkläre ich deshalb in Gemeinschaft mit den Bischöfen - die mehrfach die Abtreibung verurteilt und obwohl sie über die Welt verstreut sind, bei der eingangs erwähnten Konsultation dieser Lehre einhellig zuge- stimmt haben -, dass die direkte, das heißt als Ziel oder Mittel gewollte Abtreibung immer ein schweres sittliches Vergehen darstellt, nämlich die vorsätzliche Tötung eines unschuldigen Menschen. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes begründet, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt"

Und mit Blick auf die Euthanasie heißt es: „Nach diesen Unterscheidungen bestätige ich in Übereinstimmung mit dem Lehramt meiner Vorgänger und in Gemeinschaft mit den Bischöfen der katholischen Kirche, dass die Euthanasie eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes ist, insofern es sich um eine vorsätzliche Tötung einer menschlichen Person handelt, was sittlich nicht zu akzeptieren ist. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes begründet, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt"
Ganz ohne Zweifel handelt es sich hier um Lehraussagen mit höchstem Anspruch. Der Papst nimmt zwar nicht wörtlich auf die Unfehlbarkeit Bezug er verkündet aber Lehraussagen zum Tötungs-verbot, also solche zur Sittenlehre, mit letzter Wahrheit.
Es handelt sich um höchste Lehrverkündigung, also um Aussagen mit höchster lehramtlicher Autorität, die zwar nicht explizit im Range eines Dogmas stehen, gleichwohl aber kraft apostolischer Legitimation verkündet werden, wobei der Papst ausdrücklich seine Mitbrüder im bischöflichen Amt als Lehrautoritäten in Kontinuität mit seiner Lehraussage einbezieht Die genannten Lehraussagen haben also de facto - zumindest implizit - dogmatischen Rang.

Die Enzyklika ist pastoral orientiert, spricht das Gewissen der Menschen an und ruft zur Umkehr auf. Auch fördert sie die Ökumene. Man könnte sie geradezu als ökumenisches Lehrschreiben bezeichnen, da sie die genuin christliche Auffassung vom Leben wiedergibt und darüber hinaus die „Zusammenarbeit mit den Anhängern anderer Religionen und mit allen Menschen guten Willens" anregt und fördert.


Quelle: Tagespost 25.März 2010

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